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Ein Lied voller Verheißung

In unserem Gebet- und Gesangbuch findet sich ein Adventslied (GL Nr. 106), in dem Menschen in ausweglosen Situationen angesprochen werden. Als Bild für ihren inneren Zustand steht da der Begriff „Wüste“, es könnte aber ebenso eine kahle, winterliche Landschaft sein, in der sie festsitzen. Sie wissen nicht mehr aus noch ein, fühlen sich ungeborgen und verloren, sehen keine Richtung, keinen Sinn und schieben den Zusammenbruch vor sich her, verzweifeln fast an der Frage, ob es noch einmal besser werden könnte.
Dahinein verheißt das Lied: Wenn Du, Mensch, am Ende bist und nicht mehr weiterweißt und –kannst – dann öffnet sich überraschend eine Quelle der Kraft, Dir fließt neue Energie zu, du spürst neues Leben, siehst neue Zukunft, auf die du gar nicht mehr zu hoffen gewagt hast.

Aus Gestein und Wüstensand werden frische Wasser fließen;
Quellen tränken dürres Land; überreich die Saaten sprießen.
Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil. (3. Strophe)

Solche Erfahrungen kennen wir: schlimme, schwere Stunden, in denen alles aus zu sein scheint: Ich habe einen Menschen verloren. Ein Unglück ist über mich/uns hereingebrochen: Sorgen und Angst erdrücken mich. So kann ich nicht weiterleben – und dann habe ich es doch vermocht, habe Kraft bekommen, Energie für den nächsten Tag. Die Saaten sprießen vielleicht nicht überreich, aber das Grün keimt im Wüstengrau neu auf.
Das ist eine Schlüsselerfahrung und eine Glaubenserfahrung: Dass nach dem Tod in seinen vielfältigsten Formen – Verlust, Abschied, Schicksalsschlag – nicht endgültiges Totsein kommt, sondern neues Leben. Dass es weitergeht. Solche Erfahrungen kennen wir – hoffentlich – auch. Unser Glaube sagt uns: Geht in dieser Richtung weiter. Verliert nicht den Mut. Erzählt einander, dass es so ist. Wer es schon durchgemacht hat, soll es dem sagen, der gerade am Boden ist.

Kündet allen in der Not: Fasset Mut und habt Vertrauen.
Bald wird kommen unser Gott; herrlich werdet ihr ihn schauen.
Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil (1. Strophe)

Und das Versprechen geht über das hinaus, was wir aus unseren Erfahrungen kennen: Gott herrlich schauen. Das ist ja unsere Sehnsucht: etwas Größeres, Herrlicheres, Glücklicheres als das, was wir praktisch hier und heute haben. Sie drängt uns immer über das Tatsächliche hinaus. Unser Glaube nimmt das auf, verspricht nicht nur, dass die Sonne immer wieder aufgeht, sondern dass uns nach der letzten Nacht, dem Sterben, das herrlichste aller Lichter aufgeht; dass Gott, der jetzt immer nur ein wenig und viel zu kurz in unser Leben kommt und spürbar ist in der Gestalt der Hoffnung, der Gnade, des neuen Mutes, der Inspiration, dass dieser Gott unser Leben ganz erfüllen wird.

Gott naht sich mit neuer Huld, dass wir uns zu ihm erheben.
er will lösen unsre Schuld, ewig soll der Friede währen.
Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil (2. Strophe)

Und der versprochene Friede wird keine Friedhofsruhe sein, sondern vollstes Leben. Jetzt bleiben jeder und jedem von uns bestimmte persönliche blinde Flecken: Wir sind oft stumm, haben eine schwere Zunge, tun uns schwer mit dem Sprechen über Persönliches; oder wir sind stumm geworden, weil uns niemand zuhören wollte. Wir sind auch taub: für Gottes Anruf, für den Anruf durch Menschen und Situationen. Wir sind lahm: gehemmt, antriebsarm, träge, müde, fühlen uns überfordert.

Und jetzt stellt euch vor: Das würde alles geheilt; wir würden alle eine kräftige „Aufbauspritze“ bekommen, ein kräftiger Schuss Luft – Geist – wird in uns hineingeblasen wie in einen schlaffen Luftballon, der müde an der Schnur hängt. Das wäre Erlösung, volles Leben.

Blinde schaun zum Licht empor, Stumme werden Hymnen singen.
Tauben öffnet sich das Ohr, wie ein Hirsch die Lahmen springen.
Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil (4. Strophe)

Der Advent will uns dazu anstiften, in die Zukunft zu schauen, in die Zukunft jenseits der letzten Nacht, wenn über uns schlafenden Hirten auf kalten Feldern der Himmel aufbrechen und Gott endgültig kommen wird, um uns zum vollen Leben aufzuwecken – für immer.

Aber: Gott ist schon einmal gekommen. Darum muss unser Leben jetzt nicht wie der Aufenthalt im Wartezimmer der Ewigkeit sein, in dem wir Daumen drehend und Illustrierte lesend herumsitzen. Wir können, wir sollen schon jetzt mit dem Aufstehen, mit dem neuen Leben anfangen, wir können schon jetzt dank Gottes eingehauchtem Geist unser Stück Welt erneuern und Mahl miteinander und mit ihm halten: Gemeinschaft, Kommunikation, Kommunion feiern.

Gott wird wenden Not und Leid. Er wird die Getreuen trösten,
und zum Mahl der Seligkeit ziehen die vom Herrn Erlösten.
Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil (5. Strophe)

Einen verheißungsvollen und aufbauenden Advent wünscht Ihnen

Ihr

Matthias Kreuzig, Pfr.

 
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