Stefan Wenzel, ehem. Umweltminister Nds. und stellvertretender Ministerpräsident, Bündnis 90/Die Grünen hielt eine beeindruckende Predigt in St. Altfrid im Rahmen des Kreuzweges der Schöpfung, den das Bistum Hildesheim in Gifhorn veranstaltet hat (18. März 2018)

 

Gastpredigt, 8. Kreuzweg der Schöpfung, 18.3.18 in Gifhorn, St. Alfridkirche

 

Liebe Gemeinde,

einen kurzen Kreuzweg haben wir durch die kalte Winterlandschaft vom Autohaus zur St. Alfridkirche zurückgelegt. Die Fastenzeit neigt sich dem Ende zu. Der Winter ist noch einmal zurückgekehrt. Die Jüngeren unter uns können sich an längere knackig kalte Zeiten kaum erinnern.

Gemeinsam - anders - mobil - sein

Vier Wörter, vier kraftvolle Wörter, das Motto, die Wegweisung, das Mantra für den heutigen Tag.

Pilgerwege verschiedenster Art haben eine lange Tradition. Der Weg nach Santiago war im Mittelalter eine Reise fürs Leben. Sowas nahm man nur einmal auf sich. Aufbruch bei Schneeschmelze. Rückkehr kurz vor Wintereinbruch. 2300 km sind es von Gifhorn nach Santiago. 100 Tage hin, 100 Tage zurück.

Wer den Weg machte hatte viel Zeit zum Nachdenken über Zeit und Raum, über Grenzen und Möglichkeiten, über Kraft und Energie, über Einsamkeit, Begegnung und Einheit mit dem Einen, mit dem Ganzen.

Wir haben uns auch einen ganz langen Weg vorgenommen. Gemeinsam hat sich die Weltgemeinschaft, Menschen in 196 Ländern der Erde, auf den Weg gemacht um die für viele Menschen, Tiere und Pflanzen tödliche Erhitzung der Erdatmosphäre zu stoppen.

Wenn wir „Paris“ erreichen wollen - nur 850 km von hier - aber sicher so schwierig wie die Pilgerreise nach Santiago, werden wir „gemeinsam anders mobil sein“.

Liebe Gemeinde,

die größte Herausforderung ist gemeinsam. Um die Technik mache ich mir weniger Sorgen. Das werden wir mit Kreativität und ingenieurtechnischer Kompetenz schon meistern.

Früher am Thieplatz im Dorf war die Entscheidungsfindung noch einfach. „Wenn die Umstehenden es zulassen“, greifen wir die Idee auf. Der noch heute geläufige Satz „wenn die Umstände es zulassen“, stammt aus dieser Zeit, wie mir kürzlich ein Sprachwissenschaftler erklärte. Eine Form der Entscheidungsfindung im Konsens. Zur Zeit der Hanse sprach man von beschwerlichen und hochbeschwerlichen Entscheidungen, wenn der Rat oder die Steuerbürger zustimmen mussten. In modernen Demokratien reicht oft die Mehrheit im Parlament, um Gesetze auf den Weg zu bringen. Im Europaparlament ist es schwieriger. Da braucht man in der Regel die Zustimmung des Parlaments, des Ministerrates und der Kommission. Für ganz wichtige Fragen braucht man die Zustimmung aller Mitglieder. So ist es auch beim Pariser Klimaabkommen gewesen.

Auch Papst Franziskus hat sich in den letzten Stunden sehr engagiert eingebracht und zum Erfolg beigetragen. Insgesamt ist es ein kleines Wunder, dass dieses Abkommen zustande gekommen ist.

Auf dem weiteren Weg wird es immer wieder darauf ankommen die Gemeinsamkeiten zu suchen, das Trennende zu überwinden und Gerechtigkeit zu wahren.

Es braucht mutige Ideen und Visionen, um Paris zu erreichen. Es braucht Menschen, die den grossen Pilgerweg als Pioniere begehen und den leichtesten Weg auskundschaften. Besonders die Jugend müssen wir ermutigen und bestärken. Auch wenn das Ziel fern ist, wenn viele widerstreitende Interessen uns vom Weg abdrängen oder uns mutlos machen wollen. Oder einreden wollen, dass das Ziel nicht erreichbar sei; dann braucht es Menschen, die ermutigen und zusammenführen in den Religionsgemeinschaften, in der Zivilgesellschaft und in der Politik.

Im Kern geht es um die Frage, wie wir auf unserem kleinen Planeten das Zusammenleben von Mensch, Natur und Schöpfung wirklich nachhaltig gestalten. Nachhaltigkeit im wohlverstandenen Sinne meint den Dreiklang aus Bewahrung und Schaffung von Frieden, Gerechtigkeit und gerechte Verteilung von Gütern und Vermögen und die Bewahrung der Schöpfung.

Laudato Si hat zu dieser Herausforderung einen unverzichtbaren Beitrag geliefert.

Liebe Gemeinde,

ich habe bewusst Frieden an erster Stelle genannt. Nicht ohne Grund. Stellen Sie sich eine internationale Konferenz zum Schutz der Meere, zum Klimaschutz und zum Erhalt der Wälder vor, wenn sie die Zustimmung der verfeindeten Kriegsparteien aus dem Krieg um Syrien für ein einstimmiges Votum benötigen. Konflikte zuerst lösen heisst deshalb die Maxime! Und dafür brauchen wir den interreligiösen Dialog ebenso dringend, wie den Dialog im politischen Raum.

Mich betrübt vor diesem Hintergrund auch die Debatte um den Feiertag in Niedersachsen. Unter dem Motto „Healing the memorys“ wurden im letzten Jahr in Hildesheim und an vielen anderen Orten bemerkenswerte Brücken geschlagen. Das war der 500. Jahrestag der Reformation. Erst 130 Jahre nach der Reformation kam es zum Westfälischen Frieden.

In diesem Jahr droht die vorschnelle Festlegung dieses Jahrestages zum Feiertag die Brücken wieder einzureissen und Keile zwischen Katholiken, Protestanten und die anderen abrahamischen Religionen zu treiben.

Hier hoffe ich, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist und ein Tag gewählt wird, der verbindet.

Noch unsäglicher ist, was der Verfassungsminister der Bundesrepublik in diesen Tagen zur Religionsfreiheit sagt. Man muss ihn an Artikel 137.1 der Weimarer Reichsverfassung erinnern, der mit Artikel 140 Teil des Grundgesetzes geworden ist. Und man muss ihn erinnern, dass hier bei uns eine zeitlang finsterstes Mittelalter herrschte und dabei wichtige zivilisatorische Errungenschaften unter die Räder kamen. Deshalb haben wir es dem islamischen Kulturraum zu verdanken, dass wir heute mit den Universitäten, und den Grundlagen der Mathematik, der Astronomie, der Medizin sowie mit Kenntnissen aus dem alten Griechenland über Kulturgüter von unschätzbarem Wert verfügen. Ich rate deshalb gerade denen, die hier politische Verantwortung tragen die Würde aller Menschen strikt zu achten. Das gebietet nicht nur unsere Verfassung, sondern auch der gesunde Menschenverstand.

Liebe Gemeinde,

gute Ideen setzen sich durch, das ist meine Erfahrung solange ich politisch denken kann. Insofern bin ich optimistisch, dass wir auch schwierigste Herausforderungen meistern können. Allerdings gibt es auch Rückschläge und Fehler aus denen wir lernen müssen. Ein solcher Fall ist der Dieselskandal. Wenn daraus die richtigen Schlüsse gezogen werden, wenn die Zeichen der Zeit erkannt werden, ist mir nicht Bang um das Motiv des heutigen Tages.

Gemeinsam anders mobil sein.

Und den Jüngeren unter uns rufe ich zu: „You‘ ve got the whole world in your hands“. Dieses alte Gospel Spiritual bringt es auf den Punkt. Wovon auch immer ihr träumt. Setzt euch dafür ein, dass der Traum Wirklichkeit wird im Wissen um die Verantwortung vor Gott - für das Eine und das Ganze.

- Es gilt das gesprochene Wort -

© 2013 St. Altfrid Gifhorn / Meine