Übersicht

(Die Texte stammen aus: "Die Ladegastorgel in St. Bernward Gifhorn - Festschrift zur Orgelweihe", erschienen zum 03. Oktober 1998 in der Kath. Pfarrkirche St. Bernward Gifhorn.)

Die Geschichte der "Ladegast-Orgel"

Die Einweihung unserer Kirche geschah am 29. August 1915. Bis 1936 steht in der Kirche ein Harmonium.

1936 bietet die Orgelbauanstalt Gebr. Sander/ Inh. Weißenborn die am 10. März 1887 fertiggestellte Ladegast-Orgel der Freimaurer-Loge Braunschweig zum Kauf an.
1937 wird die Orgel für 2400 RM gekauft und in der Kirche aufgestellt.
1952 erhebt die Freimaurer-Loge noch einmal Ansprüche auf die Orgel. Man einigt sich vor Gericht mit einem Vergleich.
1964 treten größere Störungen auf.
1965 behebt die Firma Weißenborn die schlimmsten Mängel und weist darauf hin, dass eine Generalüberholung dringend notwendig ist.
1975 entscheidet sich der Kirchenvorstand für das Angebot von G. Graun aus Burgdorf.
Die Arbeiten haben in völliger Verkennung wertvolle historische Substanz zerstört, wurden nicht mit der notwendigen Sorgfalt durchgeführt und letztendlich erhielt die Orgel ein Innenleben, welches nicht mehr als " Ladegast" bezeichnet werden kann.
(Die alte Holztraktur wird durch eine mit Aluminiumdrähten versehene neue mechanische Traktur ersetzt. Der originale Spieltisch und Schwellkasten werden abgebrochen und verschiedene Register umgearbeitet)
1995 werden mehrere Orgelbaufirmen zu einem Ideenwettbewerb für die Ladegast-Orgel angeschrieben.
1996 entscheidet sich der Kirchenvorstand für das Angebot der Firma Orgelbau - Gebr. Stockmann in Werl/Westf.
Da noch etwa 2/3 der historischen Substanz irgendwie vorhanden sind, soll die Orgel grundlegend restauriert und in ihren ursprünglichen Zustand zurückgeführt werden.
Das Ergebnis sehr guter handwerklicher Arbeit ist nun in unserer St. Bernward-Kirche zu sehen und zu hören!

Ihr Organist und Pfarrgemeinderatsvorsitzender
Bernward Osseforth

Friedrich Ladegast

Heute genau vor 180 Jahren - am 18. August 1818 - wurde Friedrich Ladegast in Hochheringsdorf bei Geringswalde (Sachsen) als Sohn des Tischlers und Zimmermanns Christlieb Ladegast geboren; seine erste Ausbildung erhielt er in der Orgelbauwerkstatt seines älteren Bruders Christlieb in Geringswalde. Bereits mit 20 bzw. 21 Jahren baute Friedrich seine ersten beiden selbständigen Orgeln kleineren Ausmaßes, wie es in seinem eigenen Werkverzeichnis von 1875 nachzulesen ist. Nach Beendigung seiner Lehrjahre - ca. 1840 - arbeitete er in verschiedenen sächsischen Orgelbauwerkstätten, die in der Tradition der Silbermann-Nachfolge standen. Dass der junge Orgelbauer während dieser Zeit alte Orgeln intensiv studiert hat, belegen verschiedene Äußerungen aus seiner eigenen Feder. Bei aller Verbundenheit mit der heimischen Tradition richtete der junge Ladegast seine Blicke jedoch bald auch in die Ferne: Nach der Tätigkeit in mehreren sächsischen Werkstätten ging Ladegast auf Wanderschaft. Sein Weg führte ihn zunächst in das andere Zentrum der Silbermann-Nachfolge, nach Straßburg. Dort arbeitete er in einer Werkstatt, deren Gründer der 1786 verstorbene Johann Josias Silbermann gewesen war. Diese Werkstatt betreute eine Reihe von Straßburger Silbermann-Orgeln, zu deren Studium Ladegast nunmehr die beste Gelegenheit hatte. Die letzte Station seiner Wanderjahre war wohl auch ihr Höhepunkt, die Werkstatt Aristide Cavaill, -Colls (1811-1899) in Paris.

Wir wissen - allerdings aus zweiter Hand - dass Cavaill, -Coll und Ladegast noch lange in freundschaftlich-kollegialem Austausch verbunden geblieben sind, der auch seine orgelbaulichen Konsequenzen hatte. Nach seiner Rückkehr von Paris nach Deutschland gründete er 1846 in Weißenfels seine eigene Werkstatt. Der Merseburger Domorganist Engel berichtet als königl. Orgelrevisor nach seiner ersten Begegnung mit dem "Jungunternehmer", der jahrelang ohne Aufträge blieb: "Sein fast jungfräuliches Auftreten, sein grundehrliches Gesicht mit dem intelligenten Auge, in das sich ein feuchter Glanz drängte, während er mir mit behender Stimme sein Herz öffnete, weckten zwar meine Teilnahme, allein Hülfe konnte ich ja auch nicht gleich bieten. Es verging ein volles Jahr, ehe es sich fügte, dass der Graf Zech-Burkersrode ihm in dem kleinen Dorf Geusa bei Merseburg den ersten kleinen Orgelbau anvertraute."

Eine schnelle Folge weiterer Orgelbauten ermutigte unseren Meister zur Gründung eines Hausstandes: 1850 heiratete er Bertha Lange, die Tochter des Weißenfelser Stadtorganisten, die selbst Orgel spielte und ihren kränklichen Vater im Organistenamt vertrat.

Ein Zeitgenosse Ladegasts, der Organist Braehmig aus Hohenmölsen (Sachsen) berichtet u. a. in einem Gutachten über seine neue Ladegast-Orgel: "...Gleich Rühmenswertes lässt sich von dem rein Technischen der Arbeit berichten. Bei Verwendung des fehlerfreiesten Materials, Metall wie Holz, muss man die Nettigkeit, Sauberkeit und die bis zum Eigensinn getriebene Accuratesse bewundern, mit welcher Alles bis auf den winzigsten Drahtstift hin ausgeführt ist."

Derselbe Autor kann auch berichten, dass die glänzende Beurteilung, die das Instrument durch den Merseburger Domorganisten erfuhr, den Ausschlag gab, dass ihm der Neubau der Merseburger Domorgel für 6.258 Thaler übertragen wurde.

Kein Geringerer als Franz Liszt (1811-1886) reiste im Sommer 1855 eigens zweimal von Weimar nach Merseburg, um den Neubau des Werkes zu verfolgen. Dabei gab er Registrieranweisungen für seine große Phantasie zur Orgelweihe und ließ sich zu einem seiner berühmtesten Orgelwerke (Praeludium und Fuge über B-A-C-H) inspirieren.

Im Hinblick auf die vor allem "sanfteren Stimmen" in der Gifhorner Ladegast-Orgel scheint dem Verfasser dieser Zeilen folgender Passus aus dem Bericht des damaligen Kritikers und Redakteurs der "Neuen Zeitschrift für Musik" Franz Brendel nicht uninteressant zu sein: "... Der Charakter dieses Werks unterscheidet sich wesentlich von dem aller anderen Orgeln. An Kraft und Fülle, beim Gebrauch des vollen Werks, kommt sie wohl den Besten gleich. Einzig in ihrer Art aber ist sie in den sanfteren Stimmen. Es ruht ein Wohllaut, ein Schmelz darin, wie ich ihn bei anderen Orgeln noch nicht gehört. Der Klang ist, um die Hauptsache mit einem Wort zu bezeichnen, poetischer Natur..." In weiteren Jahren finden wir Ladegast-Orgeln u. a. in Memel (Ostpreußen), Niederschlesien, Leipzig, in der Pfalz, in Lettland, Moskau, Wien, Münster (allein 10 Orgeln in Westfalen), in Reval (Tallinn), Wernigerode, Chemnitz und Braunschweig, St. Andreas, 1888.

Im selben Jahr - vor 11O Jahren - überlässt der nunmehr siebzigjährige Senior den Großteil der Arbeiten seinem Sohn Oskar; das Unternehmen firmiert jetzt als "Friedrich Ladegast & Sohn". Am 30. Juni 1905 stirbt Friedrich Ladegast in Weißenfels im Alter von 87 Jahren und weist mit seinem Lebensmotto, das Evangelium auch durch die Orgel und ihre Musik zu verkünden und so zur Vollendung der Harmonie in der Welt beizutragen, bis in unsere Tage. Somit kündet jede Kirchengemeinde, die sich wie St. Bernward in Gifhorn dem Erhalt einer Ladegast-Orgel durch Restaurierung bzw. durch Pflege verpflichtet weiß, von den hohen theologischen Idealen eines großen Mannes, eines der bedeutendsten Orgelbaumeister des 19. Jahrhunderts.

Dem Verfasser dieser Zeilen erscheint als Schlussbemerkung nichts zutreffender auf diesen Großmeister des Orgelbaus vergangener Tage als ein Zitat aus Ladegasts eigener Feder, das sich im Staatsarchiv Schwerin, Kabinett II: "Acta den Orgelbaumeister Ladegast aus Weißenfels betreffend", Blatt 2, findet. Als nämlich der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin Ladegast in Anerkennung der Schweriner Domorgel am 10. November 1871 das "Verdienstkreuz in Gold des Hausordens der Wendischen Krone" verleiht, antwortet Ladegast in einem Dankesschreiben vom 17. November; das Schreiben schließt mit dem Satz:

"Die hochsinnige Devise des Ordens "per aspera ad astra" (durch rauhe Gefilde zu den Sternen = durch Nacht zum Licht, d. Verf.) will ich fest mir in das Herz drücken und soll sie mich stets gemahnen in meiner heiligen Kunst, auch unter Schwierigkeiten den Muth und Eifer nicht sinken zu lassen, und stets nach den höchsten Zielen zu streben, Werke zu schaffen für die Mit- und Nachwelt, die dem Allerhöchsten zu Lob und Ehren, seiner Gemeinde aber zur Anbetung, Andacht und Erbauung dienen."

Hildesheim, am 18. August 1998

Fritz Soddemann

emeritiert als:
Domorganist/Oberstudienrat,
Orgel- und Glockensachverständiger der Diözese Hildesheim,
Vorstandsmitglied der VOD (Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands)

Die Firma Gebr. Stockmann über die Restaurierung der Orgel

Die aus dem münsterländischen Einen bei Warendorf stammenden Brüder Bernhard und Theodor Stockmann gründeten 1889 in Werl/Westf. die Orgelbaufirma Gebr. Stockmann.

Bernhard Stockmann, geb. 1856, hatte auf seiner Heimreise aus der Schweiz, in der er sich zwölf Jahre seinen Wunsch erfüllte nicht nur Orgeln erklingen zu lassen sondern auch selber zu bauen, im Werler Gesellenhaus Rast gemacht. Hier kam er mit dem beliebten und ungewöhnlich aktiven Pfarrer der St. Walburga-Kirche, Gustav Alterauge, ins Gespräch. Dieser legte Bernhard Stockmann nahe, in Werl zu bleiben und eine Orgelbauwerkstatt zu gründen.

Bald nach diesem Gespräch hatte Bernhard Stockmann sich mit seinem um 5 Jahre jüngeren Bruder Theodor, einem gelernten Kunsttischler, in Verbindung gesetzt und ihm seine Pläne unterbreitet. Sicherlich waren auch der bekannte "Marien-Wallfahrtsort" und auch schon die damalige günstige Verkehrsanbindung der Stadt sowie das nahe Ruhrgebiet mit ausschlaggebend, dass sich die Brüder in Werl niederließen und mit dem Orgelbau begannen.

Aus kleinen Anfängen entwickelte sich eine über die Grenzen Westfalens hinaus anerkannte Orgelbaustätte, obwohl auch die beiden Weltkriege -z. B. 1940 wurde der Betrieb auf Anweisung des Oberpräsidenten von Westfalen aufgrund der antinazistischen Einstellung und katholischen Überzeugung der Inhaber geschlossen - nicht spurlos an der Familie und dem Unternehmen Stockmann vorübergingen.

Der Tradition der Vorfahren verpflichtend, jedoch immer offen für Neuerungen, hat die mittlerweile fast 110jährige Orgelbauerfahrung einen weiten Radius um Werl geschlagen, wovon über 650 Orgeln, ob neu erbaut, restauriert oder renoviert, im regionalen und überregionalen Bereich zeugen.

Hierzu gehört jetzt auch die restaurierte Ladegast-Orgel in der kath. Pfarrkirche St. Bernward zu Gifhorn.

Das Instrument wurde von Friedrich Ladegast im Jahre 1887 für die Freimaurer-Loge in Braunschweig erbaut und steht seit 1937 in der St. Bernward-Kirche.

Ein Umbau mit Dispositionsänderung erfolgte 1976 durch den Orgelbauer Günter Graun. Anfang 1996 führten wir eine grundlegende Untersuchung und Bestandsaufnahme der Orgel durch. Auf der Basis der Ortstermine und der darauffolgenden Besprechungen mit dem Orgelsachverständigen, Herrn Domorganisten und Oberstudienrat Fritz Soddemann aus Hildesheim, sowie Vertretern der Kirchengemeinde wurde festgelegt, dass die Orgel restauriert und die Disposition wieder auf ihren Ursprungszustand zurückgeführt wird.

Im September 1996 bauten wir die Orgel ab und lagerten sie in unserer Werkstatt ein, damit die Kirchengemeinde die erforderlichen Arbeiten an der Orgelempore durchführen konnte.

Bei der jetzt durchgeführten Restaurierung wurden die Schleifladen der beiden Manuale und des Pedals grundlegend überarbeitet, wobei die Schleifendichtungen, die Pulpeten und die Ventilbelederungen ersetzt wurden. Mit der Plazierung der Schleifladen auf ihrem ursprünglichen Platz waren auch Arbeiten an den Stollen- und Lagergerüsten notwendig. Die 1976 eingebauten Spiel- und Registertrakturen aus Metall, die sich ständig verregulierten, haben wir wieder durch bewährte Holztrakturen ersetzt. Durch vorhandene, alte Fotos und Besichtigung anderer Ladegast-Orgeln konnte der seitlich eingebaute Spielschrank rekonstruiert werden. Mit der Restaurierung des Orgelgehäuses wurde eine neue Rückwand auf Rahmen und Füllungen und wieder ein Schwellwerkgehäuse angefertigt. Durch die Restaurierung der Orgel mit der Überarbeitung des Pfeifenwerkes und der Dispositionsrückführung konnten wir so ein weiteres Instrument in denkmalpflegerischer Hinsicht wiederherstellen und erhalten, worüber wir uns sehr freuen.

Für die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit danken wir Herrn Pfarrer Borm, dem Kirchenvorstand, im besonderen dem Pfarrgemeinderatsvorsitzenden und Organisten Herrn Bernward Osseforth, sowie allen anderen an der Restaurierung Beteiligten. Unser Dank gilt auch Herrn Domorganist und Oberstudienrat Fritz Soddemann für seine Orgelsachberatung.

Wir wünschen der ganzen Gemeinde mit ihrer restaurierten Orgel, welche ihr Gotteslob begleiten und verschönern soll, ungetrübte Freude. Möge das Instrument viele Organisten noch über Generationen ermutigen, die Formfalt ihrer Kunst in den Dienst der Liturgie zu stellen.

Ruth Stockmann

Orgelsachberatung:
Oberstudienrat und Domorganist Fritz Soddemann, Hildesheim

Intonation:
Rainer Ebben in Fa. Stockmann

Restaurierung:
Gebr. Stockmann, Orgelbau, Werl/Westf., gegr. 1889

© 2013 St. Altfrid Gifhorn / Meine

Nachrichten

  • Bischofsmesse in St. Bernward 25.07.2018 13:12

    Die Renovierung der St. Bernward-Kirche neigt sich dem Ende entgegen.  Das Ergebnis dieser...

    Weiterlesen...