Coronaschutzmaßnahmen in unserer Pfarrei – wie entscheidet der Kirchenvorstand?

Unser Kirchenvorstand musste in den letzten Monaten wichtige Entscheidungen treffen. Viele von Ihnen waren von den Entscheidungen betroffen und haben sich darüber geärgert, sie begrüßt oder als zu streng oder zu wenig durchgreifend empfunden.

Der Kirchenvorstand ist das verantwortliche Entscheidungsgremium unserer Pfarrei St. Altfrid. Es ist seine Aufgabe, das Gemeindeleben zu fördern und zu unterstützen. Dafür stellt er personelle, finanzielle und bauliche Ressourcen zur Verfügung und handelt rechtlich für die Körperschaft des öffentlichen Rechtes „Pfarrei St. Altfrid“. Ihm obliegt es, die staatlichen Coronaschutzmaßnahmen auszulegen und umzusetzen und dadurch Schaden von der Pfarrei, z.B. durch Bußgeldforderungen oder Schadensersatzansprüche, fernzuhalten. Die lebhaften und emotionalen Diskussionen in unserer Gesellschaft und unserer Gemeinde zeigen, dass dies keine leichte Aufgabe ist.

Für die vielen praktischen und auch seelsorglichen Aufgaben an den Kirchorten haben wir vier Lokale Leitungsteams, die im engen Kontakt mit den Menschen am Kirchort stehen und das Gemeindeleben aktiv gestalten und voranbringen. Der Kirchenvorstand sorgt also für den Rahmen, die Leitungsteams, die Gruppen und Engagierten füllen ihn mit Leben.

Das Bistum Hildesheim hat zu Beginn der Pandemie einige Vorgaben zum Umgang mit dieser Herausforderung gemacht, sich dann aber zurückgezogen und das Entscheidungsfeld den Kirchenvorständen überlassen. Daraus ergeben sich Nachteile und Vorteile für die Gemeinden. Nachteile: Benachbarte Gemeinden entscheiden manchmal gegensätzlich, was niemand versteht und zu Unmut führt. Zudem kann kein Kirchenvorstand auf Vorgaben und das Wissen der nächsthöheren Ebene zurückgreifen. Vorteil: Besonderheiten vor Ort wie hohe oder tiefe Inzidenzen, Hotspots bei Ansteckungen, bauliche Gegebenheiten … können besser berücksichtigt werden.

Selbstverständlich gibt es Entscheidungskriterien, die unser Denken und unsere Diskussionen bestimmen. Im Folgenden werde ich sie Ihnen vorstellen.

  1. Das Leben ist Gottes größtes Geschenk an uns Menschen. Daraus folgt: Der Schutz des menschlichen Lebens steht an erster Stelle unserer Prioritätenliste.
  2. Corona ist eine lebensgefährliche Krankheit. Gott hat uns Corona nicht geschickt. Gott schützt uns auch nicht durch sein direktes Eingreifen vor Corona. Gott hat uns Menschen aber den Verstand gegeben, uns vor Corona zu schützen. Gott handelt durch uns. In Westeuropa sind wir in der privilegierten Situation, Coronamaßnahmen weitestgehend lebensschützend umzusetzen zu können.
  3. Es ist entscheidend wichtig, unseren Verstand einzusetzen, um das menschliche Leben vor dieser tödlichen Krankheit zu bewahren. Deshalb wurden Schutz- und Hygienemaßnahmen zur Infektionsabwehr beraten und umgesetzt. Gleichwohl war es uns immer bewusst, dass es keinen absoluten Sicherheit geben kann und wir nur alles Menschen Mögliche tun können, um unsere Gemeindemitglieder zu schützen. Dieser Aufgabe fühlen wir uns verpflichtet.
  4. Die Coronalage wurde sehr lange von großen Unsicherheiten begleitet (Infektionswege, Verfügbarkeit der Impfungen, die Entwicklung auf den Intensivstationen, Virusmutationen …). Bei einer Pandemie, die es vorher so noch nie gab, dürfen diese Unsicherheiten nicht verwundern. Aufgrund der Unsicherheiten ergibt sich ein weiterer Entscheidungssatz: Besser konsequenter und strenger vorgehen und gegebenenfalls lockern als umgekehrt.
  5. Die Pandemie ist eine permanente Lernsituation. Unser Wissen vom Anfang der Pandemie ist im Laufe der Monate erheblich angewachsen und hat sich präzisiert. Der Kirchenvorstand ist eine lernende Gruppe. Als solche hat er neue Erkenntnisse und gemachte Erfahrungen stets  ausgewertet und gewichtet. Das sich dabei Bewertungen verändern liegt an der ungewissen Ausgangssituation „Corona Pandemie“ und ist ein positiver Hinweis auf eine lernende Organisation. Selbstverständlich werden dabei auch Fehler gemacht. Ich gehe davon aus, dass es nach Beendigung der Pandemie niemanden geben wird, der fehlerlos durch diese Herausforderung gekommen ist. In zwei Jahren könnte sich aber die Frage lohnen, wer hat die wenigsten Fehler gemacht und wer hat am meisten in und aus der Situation gelernt. Wer hatte den klarsten Blick? Und natürlich liegt es auf der Hand: Wenn die ganze Welt in Unordnung ist und überall Unklarheit herrscht, kann die Pfarrei St. Altfrid nicht der einzige Ort auf der Welt sein, an dem alles immer gut läuft und niemals Unklarheiten bestehen.
  6. Es ist wichtig, die Aufgaben, die uns die Pandemie stellt, eingehend zu diskutieren. Es ist allerdings auch wichtig, Diskussionen in einer angemessenen Zeit zu beenden und zu einer demokratischen Entscheidung zu kommen, wenn eine Bedrohungslage vorliegt. Entscheidungen im Kirchenvorstand wurden stets demokratisch getroffen. Sie waren nie einstimmig, oftmals sogar sehr eng. Bei Stimmengleichheit darf der Pfarrer entscheiden. Dies habe ich in 33 Priesterjahren erst einmal erlebt, vor wenigen Wochen in St. Altfrid.

Auch im Kirchenvorstand spiegelt sich die Gesellschaft wider. Es gibt Mitglieder, die plädieren für Lockerungen und andere eher für ein sehr vorsichtiges Vorgehen. Unser Miteinander war stets von Wertschätzung geprägt, auch wenn unsere Meinungen gegensätzlich waren. Das Wohl der Pfarrei St. Altfrid ist allen Mitgliedern ein wichtiges Anliegen. Ich bin stolz auf „meinen“ guten Kirchenvorstand.

  • Die Kurzfristigkeit einiger Maßnahmen war von außen nicht verstehbar. Wir haben z.B. am Karmittwoch die Gottesdienste für Gründonnerstag und Karfreitag abgesagt, weil die Allgemeinverfügung des Landkreises Gifhorn erst am Karmittwoch veröffentlicht wurde und wir den genauen Wortlaut des Dokumentes in unseren Beratungen zu berücksichtigen hatten. Es gibt ganz einfach Sachzwänge, denen wir uns beugen müssen.

„Wir fahren auf Sicht“ war bei allen politischen Entscheidungen in unserem Land eine Handlungsmaxime, der auch wir uns verpflichtet fühlten. Gemeinden, die kontextunabhängig sämtliche Gottesdienste und Veranstaltungen für 6 Monate oder mehr abgesagt haben, waren in ihrer Öffentlichkeitsarbeit klarer und einschätzbarer. Wir fühlten uns aber dem Grundsatz verpflichtet, soviel zu ermöglichen, wie es das aktuelle Infektionsgeschehen erlaubt. Dazu gehört, relativ schnell Lockerungen umzusetzen, wenn sich die Ausgangslage verändert, wie z.B. gesunkene Fallzahlen, Entspannung auf den Intensivstationen, Vorhandensein von medizinischen Masken und Desinfektionsmitteln, umsetzbare Hygienekonzepte usw. So ein situationsangepasster Umgang mit einer nicht vorhersehbaren Pandemie ist keine optimale Ausgangslage für eine perfekte und reibungslose Öffentlichkeitsarbeit.

  • Unsere personellen Ressourcen für die Öffentlichkeitsarbeit sind sehr begrenzt. Für die Information unserer ca. 9500 Gemeindemitglieder haben wir klassische Wege gewählt und zeitnah bedient, nämlich die Lokalzeitungen, die Homepage, den Sonntagsgruß und, fast folkloristisch, die Schaukästen. Letztere, weil sie gerade von älteren Gemeindemitgliedern genutzt werden. Veröffentlicht wurden Briefe an die ganze Gemeinde, die im Internet erschienen. Einzelne Gruppen, für die wir eine besondere Verantwortung tragen, wurden mit Gruppeninformationen versorgt, z.B. Senioren und Erstkommunionfamilien.

Selbstverständlich ist unsere Öffentlichkeitsarbeit optimierbar. Für Hinweise und Unterstützung sind wir dankbar.

  • Abgeleitet vom wichtigsten Satz unserer Entscheidungsgrundlage „der Schutz des menschlichen Lebens steht an erster Stelle unserer Prioritätenliste“ lassen sich noch einige praktische Umsetzungen ableiten.
  • Die Heilige Messe ist überaus wichtig, aber der Schutz des menschlichen Lebens ist wichtiger. Demzufolge kann eine Heilige Messe nur gefeiert werden, wenn der Lebensschutz vollumfänglich gegeben ist. Deshalb haben wir strenge Hygienevorschriften erlassen und die Messen bei sehr hohen inzidenzzahlen ausgesetzt. Risikomessen sind rücksichtslos, nicht gottgewollt und kein Hinweis auf eine gesunde Spiritualität.
  • Wichtig sind Gottesdienste, weil sie den Glauben stärken und unsere Verbundenheit mit Gott und den anderen Gemeindemitgliedern ausdrücken. Nicht wichtig in Pandemiezeiten sind lange Gottesdienste, viele Worte und eine ausgiebige Feierlichkeit.
  • Gemeindeaktivitäten wie Feiern, Gruppenstunden, Treffs, Bildungsabende, Seniorennachmittage, Sitzungen usw. wurden im letzten Jahr sehr vermisst, weil sie gemeinschaftsstärkend sind und eine wichtige Kontaktebene in der Gemeinde darstellen. Es wäre ein Verstoß gegen die Coronaregeln und zu risikoreich gewesen, sie stattfinden zu lassen.
  • Die Coronazeit war bisher auch eine Zeit der guten Ideen – Geschenke und Texte am Kirchzaun, Aschermittwochsgottesdienste to go, Osterbasteltüten, Zoom-Andachten, Sternsinger mal anders, Internetexerzitien,  gestaltetes Fenster zur Stadt, Freiluftgottesdienste, offene Kirchen und vieles mehr. Mein Dank gilt allen, die in den letzten Monaten Großartiges geleistet und ihre Gemeinde am Leben gehalten haben.

Herausragend und überaus wertvoll war der Einsatz der Ordnerinnen und Ordner vor und nach den Gottesdiensten. Sie haben es erst möglich gemacht, dass wir Gottesdienste feiern und viele Gemeindemitglieder ihren Gottesdienst besuchen konnten. Der Ordnerdienst war manchmal einen schwere Aufgabe, die Nerven und viel Zeit gekostet hat.

Viele Menschen haben sich um die Kirchen und ihre Gestaltung gesorgt, Einsame angerufen, für Senioren eingekauft, Gremienarbeit geleistet, Informationen weitergegeben und vieles mehr. Hier hat sich Gemeinde von ihrer stärksten Seite gezeigt – herzlichen Dank!

Gottesdienstübertragungen aus unseren eigenen Kirchen haben wir nicht angeboten, weil dies nicht unsere Stärke ist. Andere können das besser und das Angebot im Internet an technisch und inhaltlich gut gemachten Gottesdiensten ist schier unüberschaubar.

  1. Wie wird es in den nächsten Wochen weitergehen? Das ist einfach zu beantworten. Wir werden alles möglich machen, was nicht dem Schutz des menschlichen Lebens widerspricht. Die Entscheidungskriterien für das weitere Vorgehen habe ich hinlänglich beschrieben.
  2. Wie wird es nach der Pandemie weitergehen? Das ist schwer zu beantworten. Die Auswirkungen von Corona auf unser Gemeindeleben wie auch auf die Psyche einzelner Menschen, das familiäre Miteinander und das gesellschaftliche Zusammenleben sind heute nicht prognostizierbar. Ich hoffe sehr, dass viele Menschen wieder mit Freude den Weg in ihren Kirchort finden und das Gemeindeleben gestalten. Ich weiß, dass es viel zu erzählen gibt und kann mir vorstellen, dass die ersten Wochen des Neuanfangs davon geprägt sind, dass wir Gemeinschaft erleben, miteinander sprechen, gemeinsam essen, trinken und feiern, Enttäuschungen, Ärger, Müdigkeit, Stolz und Zweifel aussprechen …

Gemeinde als ein Ort, an dem ich wieder durchatmen und Mensch sein kann – das ist meine bescheidene Vision für die ersten Wochen danach.

Und dann? Dann können wir wieder durchstarten, wenn Sie wollen!

Thomas Hoffmann, Pfarrer

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