Predigt am 6. Sonntag in der Osterzeit 2022

Man hat das gerumst!! Was ist das für ein heftiger Streit! Und dann noch in der Bibel! Hätten Sie so etwas da vermutet?

Ohne Konflikte geht es nicht! Sie sind zwar nicht beliebt und begehrt, aber es gibt sie trotzdem – ein Leben lang. Ich kann ihnen zwar ausweichen, ich kann sie auch kleinreden, aber einfach ausschalten kann ich sie nicht. Ein Leben ohne Konflikte ist nicht denkbar, auch wenn sich das viele wünschen.

In der 1. Lesung hat es so richtig gekracht. Sie berichtet uns ein Ereignis aus der Frühzeit der Kirche. Wir sind im Jahr 48 n.C. Die Heidenapostel Paulus und Barnabas bekommen in Ihrer Gemeinde in Antiochia Besuch von Menschen, die zur neuen Gruppe der Christen gefunden haben, aber auch noch fest verwurzelt in ihrem alten jüdischen Glauben sind. Dieser Besuch mischt ihre Gemeinde ordentlich auf und vertritt die Meinung, dass sich alle neugewonnenen Christen aus dem Heidentum zuerst beschneiden lassen müssen, d.h. praktisch zuerst Juden werden sollen und das jüdische Gesetz einzuhalten haben und dann den neuen Weg der Christen einschlagen können. Die Beschneidung war bis dahin das Zeichen der Zugehörigkeit zum auserwählten Volk Gottes und von ungeheurer Bedeutung. (Hygiene, verbreitet auch bei anderen Völkern; Alleinstellungsmerkmal in der jüdischen Religion, hat sich entwickelt zum Bundeszeichen in einem längeren Prozess > Abgrenzung und Identität)

Paulus und Barnabas sind stinksauer. Sie halten das für einen Umweg. Sie taufen viele Heiden und sehen ihren Weg als neuen, eigenständigen Weg, während ihre Gegner eine enge Anbindung an den alten Weg des Judentums favorisieren.

Ist etwas ganz Neues entstanden oder geht es darum, die Grenzen der alten Religion nur ein bisschen zu erweitern? Diese Frage war noch überhaupt nicht geklärt und insgesamt war die neue Bewegung der Christen noch intensiv auf der Suche nach ihrer Identität. Bezogen auf heute war 0,9 % der Kirchengeschichte vergangen, also eine unglaublich kurze Zeit. Ich selbst habe ca. 3% der Kirchengeschichte erlebt.

Das war damals in Antiochia eine richtige Zerreißprobe. Wohin geht die Kirche, wenn man damals überhaupt schon von Kirche sprechen kann? Kann sie sich in die neue Welt hineinentwickeln, was muss sie vom Alten behalten? Wie können die Christen aus dem Judentum und die Christen aus dem Heidentum miteinander leben und sogar Mahlgemeinschaft halten?

Es ging um alles! Vielleicht war das der wichtigste Streit in der gesamten Kirchengeschichte, wenngleich gesagt werden muss, dass sich die Gemüter nicht sogleich beruhigten und die Auseinandersetzung noch etwas weiterging. Auch stellt der Apostel Paulus diesen Streit ein bisschen anders dar als unsere Apostelgeschichte. Die weltweite Entwicklung des Christentums verdanken wir aber ganz sicher der weitsichtigen Lösungsfindung dieses Streites. Wäre damals anders entschieden worden, hätte es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht diese Entwicklung unseres Glaubens gegeben. Vermutlich wären wir eine kleine Sekte geblieben, wenn es uns überhaupt noch gäbe.

Der entscheidende Satz der Lesung kommt von den Ältesten und Aposteln aus Jerusalem und ist für die neuen Christen um Paulus und Barnabas bestimmt. Er lautet: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weiteren Lasten aufzuerlegen, als diese notwendigen Dinge. Und dann kommen einige kleine Speisevorschriften, die sich im Alten Testament finden, und ein Verbot der Unzucht.

Dieser Umgang mit Konflikten ist einer, der mir sehr gut gefällt und den ich beispielhaft finde. Den anderen so wenig Lasten wie möglich aufzuerlegen kann eine Haltung sein, die das Leben vereinfacht und Konflikte entkrampft. Es geht darum, andere, und zwar vor allem die Schwachen und die Neuen, möglichst wenig zu belasten. Es geht darum, anderen das Leben nicht unnötig schwer zu machen, alles dafür zu tun, damit andere nicht ausgeschlossen, sondern in der Gemeinschaft gehalten werden. Und es geht natürlich auch darum, eine Weite und Vielfalt in einer größeren Gruppe zuzulassen, weil dies, wie in diesem Fall, die Möglichkeit zur Entwicklung bietet.

„Der Heilige Geist und wir haben beschlossen“ drückt aus, dass es sich hier nicht nur um eine menschliche Entscheidung handelt, sondern Gottes Rat gesucht und gefunden wurde. Geschichtlich betrachtet ist das Judenchristentum relativ schnell verschwunden und das Heidenchristentum, zu dem wir auch gehören, hat sich prächtig entwickelt. Die genannten Speisevorschriften spielten dann im Laufe der Kirchengeschichte keine Rolle mehr.

Anderen keine unnötigen Lasten auflegen hat zur Folge: Sie können aufrecht gehen, sie behalten ihr Gesicht, sie werden nicht gedemütigt, sie müssen sich nicht klein machen.

Anderen keine unnötigen Lasten auflegen setzt voraus: Ich kann großzügig sein, ich gebe anderen Raum, ich muss mich nicht auf Biegen und Brechen durchsetzen und meine Forderungen zu 100 Prozent erreichen. Meistens zahlt sich eine persönliche Weite in Konfliktsituationen aus. Nicht immer sofort, aber doch langfristig. Bei Konflikten geht es oft darum, sich nicht immer kurzfristig wie ein Bulldozzer durchzusetzen, sondern langfristig einige Türen offen zu halten. Ausnahmen bestätigen auch hier, wie immer, die Regel.

Wo lege ich anderen überflüssige Lasten auf? Wo bin ich kleinlich, pingelig, eng, zu streng, pedantisch, päpstlicher als der Papst, prinzipienreiterisch, ohne Augenmaß? Keine Frage, manchmal muss ich streng sein, aber wann ist es einfach zu viel, wann will ich mich nicht mehr um der Sache durchsetzen, sondern aus Starrköpfigkeit? Wo bin ich so eng und will so viel, dass andere Menschen ihr Gesicht verlieren oder als Geschlagene dastehen? Schule, Arbeit, Familie, Freunde, Verwandtschaft, Vereinsleben, Nachbarschaft, Straßenverkehr, Gemeinde, neue Medien – Möglichkeiten, anderen Lasten auf die Schultern zu drücken gibt es genug.

Die Konfliktlesung des heutigen Sonntages endet mit dem schönen Gruß „Lebt wohl!“ Wohl zu leben, gut zu leben ist etwas, was wir nicht allein mit eigener Kraft machen können. Wir können es aber fördern und uns dabei gegenseitig unterstützen. Der Konfliktlösungsgrundsatz „anderen keine unnötigen Lasten aufzulegen“ ist dabei eine wichtige Hilfe.

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