Wort zum Sonntag, 10.07.2022

Helfen ist gar nicht so einfach. Helfen will gelernt sein. Dabei kann ich vieles richtig, aber auch einiges falsch machen. Ein gutes Herz allein kann viel bewirken. Wenn dann noch der Kopf dazukommt, wird die Hilfe deutlich besser. Wenn dann auch noch erlerntes und erprobtes Wissen hinzukommt, kann es richtig gut werden.

Ein wunderbares Beispiel für einen kompetenten Helfer ist der Barmherzige Samariter aus dem heutigen Evangelium. Er hat, kaum zu glauben, dass erste Krankenhaus der Welt gegründet. Zwar hatten die Römer für ihre Soldaten auch schon so etwas wie Heilzentren, aber vermutlich war der Barmherzige Samariter ein paar Jahre eher. Was zeichnet ihn also aus. Was hat der Samariter gemacht?

  1. Er hat Mitleid
  2. Er versorgt die Wunden
  3. Er hebt den Verletzten auf sein Reittier und bringt ihn zur Herberge, dort sorgt er für ihn
  4. Er lässt dem Wirt 2 Denare für die Versorgung da, er delegiert die Sorge an einen zweiten Helfer, er kauft sie sogar
  5. Er verspricht, die weiteren Kosten zu übernehmen

Erstaunlich ist:

  • Er geht davon aus, dass der Überfallene kein Dauerpatient, sondern in angemessener Zeit gesund wird und sich dann wieder selbst versorgen kann
  • Helfer und Erkrankter tauschen keine Adressen aus
  • Sie sehen sich vermutlich nicht wieder
  • Der Überfallene kann gar keinen Dank anbringen
  • Hier gilt: Eine Hand wäscht nicht die andere
  • Der Samariter setzt seine Reise fort, er verliert sein Ziel nicht aus den Augen. Helfen ist hier keine Selbstaufgabe. Er wird nicht vom Mitleid überflutet.
  • Kulturelle und religiöse Grenzen interessieren ihn nicht und sind auch für Jesus in seiner Beantwortung der Frage nach dem Nächsten vollkommen uninteressant

„Helfen“ ist nicht unbedingt eine immer nur gute Vokabel. „Das Helfen“ wurde natürlich auch zuhauf sozialwissenschaftlich untersucht. Ergebnis ist: Es ist kritisch zu betrachten. „Was hat der Helfer vom Helfen, welche Abhängigkeiten und Hierarchien baut er dadurch auf, die nicht zur Selbsthilfe und Eigenständigkeit des Klienten führen können, übt er damit Macht aus, was überdeckt er durchs Helfen bei sich selbst, braucht er den Hilfsbedürftigen zum Aufbau seines eigenen Selbstbewusstseins…“ Das sind Fragen, die in diesem Zusammenhang gestellt werden. Jede Helferin/jeder Helfer sollte sie sich stellen.

Der Barmherzige Samariter ist ein sehr außergewöhnlicher Helfer, das wurde schon deutlich. Es ist kein Gewinn seines Helfens zu erkennen, kein Dank, keine Anerkennung, kein Verdienstmedaille, kein Geld, keine Abhängigkeit. Zwischen ihm und dem Überfallenen entwickelt sich kein „klebriges Verhältnis“. Letzterer muss sich bei späteren Begegnungen, da es sie gar nicht gibt, nicht ein Leben lang klein, dankbar und abhängig vorkommen.

Jesus legt hier ein modernes und absolut beeindruckendes Helferverständnis dar. Ich habe überlegt, wie lässt sich das Besonderes dieses Mitleides und dieser Tat beschreiben und ich bin auf das Wort Unterbrechung“ gekommen. Der Barmherzige Samariter unterbricht seinen Weg, er schiebt seine Gedanken beiseite und ist gedanklich und emotional bei dem Überfallenen, er lässt sich auf ihn und seine Not ein, er ändert heute seinen Zeitplan.

All dies tun Priester und Levit nicht. Sie sind von der menschlichen Not nicht zu unterbrechen. Aufgaben, Normen, Ängste halten sie besetzt und deshalb können sie ihren Weg nicht unterbrechen.

Nächstenliebe ist, sich unterbrechen zu lassen, „meines“ für begrenzte Zeit mal zur Seite zu stellen, Mitleid oder besser ausgedrückt Mitgefühl zu spüren, zuzulassen und (sehr wichtig!) auch praktisch in die Tat umzusetzen. Das neue Wort dafür ist Compassion und wird als „Mitleidenschaft“ übersetzt.

Wie sind die Inhalte des Christentums ins Heute, in das 3. Jahrtausend in Westeuropa, zu übersetzen? Was ist also Nächstenliebe? Aber auch Gottesliebe und Selbstliebe? Ich würde es für heute, mit Blick auf den Barmherzigen Samariter, so übersetzen: Du musst kein Held sein. Kein Heiliger. Kein Weltmeister der guten Tat. Aber: Lass dich unterbrechen. Lass dich unterbrechen in deinem engen Zeitplan, deinen ehrgeizigen Zielen, den Zwängen des Alltags und allen Erledigungen. All das ist sehr wichtig und gehört zu deinem Leben. Aber: Auch wenn du ganz viel zu tun hast, große Verantwortung trägst und wichtig bist – lass dich unterbrechen, von anderen Menschen, von deinen eigenen verschütteten Hoffnungen und von Gott. Unterbrechungen sind heute, in unserer bewegten und herausfordernden Welt, die Einfallstore für die Nächsten-, Selbst- und Gottesliebe.

Thomas Hoffmann

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