Wort zum Sonntag, 25.09.22

Stellen Sie sich einmal folgende Szene vor: Sie stehen draußen auf dem Gehweg und sehen die Müllabfuhr heranfahren. Wie sie alle paar Meter anhält, die Biotonnen automatisch hochhebt, wieder abstellt und weiterfährt. Sie beobachten das Geschehen zwei, drei Mal und wollen ihren Blick schon abwenden, da fällt Ihnen eine Bewegung hinter dem Müllauto auf. Jemand scheint sich dahinter immer wieder zu bücken. Verwundert schauen Sie weiter zu und können schließlich erkennen, dass eine Person kleine Essensreste aufsammelt. Die Person hat – offensichtlich – Hunger. So versorgt sie sich, weil sie keinen anderen Ausweg weiß.

Das halten Sie für ein unrealistisches Beispiel? Dann werfen Sie einmal einen Blick nach Brasilien, nach Somalia, Äthiopien, Syrien, in den Libanon oder Jemen. Die Liste ließe sich um viele weitere Länder erweitern.

Und jetzt stellen Sie sich vor, jemand geht zu der Person, die sammelnd hinter dem Müllauto herläuft und nimmt ihr das Gesammelte weg. „Lass ihr doch wenigstens das!“, könnte man jetzt denken. Aber es bleibt nichts für die Person übrig.

Diese Ausgangssituation finden wir auch im heutigen Text aus dem Lukasevangelium. Lukas beschreibt eine Szene sozialer Ungerechtigkeit, die wir uns in der heutigen Zeit etwa so vorstellen können wie eben beschrieben. In der Bibel folgt an vielen Stellen die Vorstellung, dass es im Reich Gottes anders sein wird, dass die Verhältnisse umgekehrt werden und die Ungerechten bestraft werden, während die Gerechten belohnt werden. So auch hier. Lazarus und der Reiche sterben. Der Reiche landet in einem Ort der Qualen, Lazarus im Schoße Abrahams. Happy End? Nein.

Wer jetzt aufhört zu lesen, verpasst das Beste: Es geht hier nicht um Himmel und Hölle. Lukas bleibt nicht bei der Umkehrung der Verhältnisse stehen. Er geht einen Schritt weiter: Der Reiche möchte seinen noch lebenden Familienmitgliedern eine Warnung zukommen lassen vor den Konsequenzen ihres Lebensstils, aber dieser Wunsch wird ihm mehrfach und endgültig verwehrt. Mit der Begründung, dass alles, was man wissen müsse, durch die Propheten und die Schrift längst bekannt sei.

Die Botschaft dieses Gleichnisses wirkt direkt ins Hier und Jetzt: Alles, was wir brauchen, um unserer Verantwortung für unsere Mitmenschen und die Schöpfung gerecht zu werden, wissen wir. Die Frage ist nur, ob daraus auch die entsprechenden Konsequenzen folgen oder ob wir einfach am Straßenrand stehen bleiben und zuschauen, wie der Sammler hungernd zum nächsten Müllauto weiterzieht.

André J. Pauwels, past. Mitarbeiter

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