Wort zum Sonntag – 28. Sonntag im Jahreskreis 2021

Ohne sie geht es nicht! Die Perfekten sind wichtig für jede Gemeinschaft, Gruppe, Firma und Familie. Wer den Wunsch hat, perfekt zu sein, der fragt immer: „Wie kann ich es noch besser machen? Wie können wir das Optimum herausholen? Wo steckt der kleine Fehler im Detail, den wir noch ausmerzen können?“

Die Perfekten bringen etwas voran, sie stoßen Entwicklung an, sie verbessern, optimieren, sie sorgen dafür, dass sich niemand auf seinen Lorbeeren ausruht und Stillstand entsteht. Wir verdanken ihnen, wo auch immer wir leben und arbeiten, sehr viel. Wie gesagt, ohne sie geht es nicht und geht wenig voran. Bestimmt kennen sie Perfekte, vielleicht gehören sie sogar selbst zu dieser Menschengruppe.

Perfekte haben es aber auch schwer. Sie können sich schlecht ausruhen. Fünfe mal gerade sein zu lassen ist nicht ihr Ding. Nur 99% erreichen ist ja ein bisschen wenig, es ginge theoretisch mehr. Außerdem ziehen sie die Arbeit an und sind deshalb oft überlastet. Perfekte haben es nicht nur schwer, sie gehen häufig auch schwer durchs Leben. Ein Bruder Leichtfuß ist ihnen ein Gräuel. Mitunter sind es dann auch noch die Glänzer, Verkäufer, Blender und Darsteller, die das Lob einheimsen und von der Öffentlichkeit gesehen werden. Die Vorarbeiten aber haben meistens die Perfekten gemacht.

Im Evangelium begegnet uns heute ein Perfekter. In der Literatur wird er immer der reiche Jüngling genannt. Es ist ein vorbildlicher Mensch. Von Jugend an hält er alle Gebote. Wer kann das schon von sich behaupten. Dieser Mann im Evangelium ist ein Angetriebener, ein Bewegter, ein Sucher, der will was. „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen“ ist seine Frage an Jesus. Ihm ist klar, es kommt auf ihn an und er muss etwas tun. So eine Frage zu stellen, dass zeichnet ihn aus, das macht ihn zu einem besonderen Menschen. Heute würden Menschen die Frage so formulieren: Was muss ich tun, um lebendig zu sein – oder glücklich zu werden – oder an das Ziel meines Lebens zu gelangen – oder Gott nahe zu sein – meinen Sinn zu finden – nicht umsonst gelebt zu haben?“

Wir sind ja selbst am Ende unseres Lebens nicht am Ende unserer Suche und deshalb immer Fragende. Der Mann im heutigen Evangelium fragt immer wieder stellvertretend für uns.

Die Antwort Jesu hat ihn sehr enttäuscht! Gern würde er noch mehr machen, mit aufrichtiger Hingabe und großem Elan würde er eine schwierige Aufgabe übernehmen. Aber diese? Alles verkaufen, das Geld den Armen geben und Jesus nachfolgen, das geht nicht oder geht im Moment nicht. Zu sehr hängt er noch an seinen Dingen, zu sehr ist er noch vom Machen und Tun in Besitz genommen und nicht frei zum Loslassen. Betrübt und traurig geht er von dannen und fühlt sich alles andere als perfekt. Vermutlich versteht er die Welt nicht mehr.

Mehr tun und sich mehr anstrengen, um das ewige Leben zu erlangen ist sein Leitsatz. Frei werden vom Besitz und mit Jesus in Beziehung treten, ihm nachfolgen, das ist der Leitsatz von Jesus. Beides passt absolut nicht zusammen.

Es ist so schade, dass so ein guter Mensch betrübt und traurig nach Hause geht. Tausenden ist es beim Hören des Evangeliums schon ähnlich ergangen. Sich ein paar Sicherheiten im Leben aufzubauen ist doch so wichtig. Das Evangelium ist wie ein Schlag in die Magengegend!

An was hängen wir fest? Was ist unser Vermögen, wo sind unsere Äcker und unser Haus, wer sind unsere Schwestern und Brüder? In welche festen Meinungen habe ich mich verbissen, ohne sie niemals, wirklich niemals, in Frage zu stellen? Welche Lieblingsideen habe ich allen schon hundertmal erzählt, ohne dass sie jemand hören will? Welchen Schicksalsschlägen habe ich ein Denkmal errichtet, mit dem ich alles erkläre, was ich sage und tue? Was gibt uns vordergründig Ansehen und Macht, ohne hintergründig den Durst der Seele zu stillen? Das sind die Fragen des Evangeliums. Es möchte, dass wir nicht betrübt und traurig nach Hause gehen, sondern frei und voller Leben.

Zwei Anstöße sind es, die uns auf den richtigen Weg bringen können:

  1. Das Ewige Leben, das Reich Gottes, ein erfülltes Dasein kann ich nicht machen. Es hat nichts mit Leistung zu tun, ich kann es nicht erzwingen. Ich kann es mir nicht ausrechnen. Das Evangelium sagt: Weniger ist manchmal mehr. Konkret heißt das: Wo und wann ist in meinem Leben weniger mehr? Oft weiß ich das ja ganz genau, wenn ich Krankheit und Tod in meiner nahen Umgebung und in meiner Familie erlebe. Dann weiß ich ja urplötzlich, was wirklich wichtig ist, was tatsächlich zählt, was auch Bestand hat, was sogar vor Gott Bestand hat. Oft weiß ich das ja ganz genau, wann weniger mehr ist, kann es aber nicht lassen, das Alte.

Das Evangelium ist eine Aufforderung, nur dass zu tun, was mir zum Leben verhilft. Es sagt: Lass es! oder: Lass los!

  1. Das Evangelium ist die Einladung, sich in die Nähe Jesu zu begeben. In Jesu Nähe, biblisch ausgedrückt, in seiner Nachfolge zu sein, heißt: Es findet eine Umwandlung der Werte statt. Was wichtig, teuer und erstrebenswert war, wird nun unwichtig. Heißt aber auch: Was mir vorher so teuer war, bekomme ich auf andere Weise hundertfach zurück. Der Glaube an Gott hat seine eigene Mathematik. Die schlechtesten Rechner sind da manchmal die besten.

Der reiche Jüngling, hätte er sich anders entschieden, wäre nun hundertmal reicher, wenn auch auf einer anderen Ebene. So gesehen definiert Jesus Reichtum neu und ganz radikal, als Freiheit von einengendem, ungutem Besitz und ebensolchen Bindungen und als Freiheit für ihn, für Christus. Freiheit von etwas und Freiheit für ihn sind wichtige Schlüsselbegriffe der christlichen Spiritualität.

Dieses Evangelium wird weiter provozieren. Es ist radikal. Es wird weiterhin nicht einzuhalten sein und Betrübnis auslösen. Es wird uns aber auch weiterhin eine Freiheit vor Augen führen, nach der sich viele Menschen sehnen.

Impressum

Katholische Pfarrei
St. Altfrid Gifhorn / Meine 

Pommernring 2 
38518 Gifhorn
Tel: 05371/12864 
Fax: 05371/57765 
pfarrei@altfrid-gifhorn.de

Kontonummer

IBAN: DE49 2695 1311 0037 0013 10