Zum Hauptinhalt springen

Kreuz ohne Haken

Liebe Geschwister,

der November ist in vielerlei Hinsicht ein Monat des Innehaltens und des Gedenkens. Wir haben gerade erst im kirchlichen Kontext an Allerheiligen und Allerseelen unserer Geschwister gedacht, die in besonderer Weise durch Gott gewirkt haben und wir haben die Gräber unserer entschlafenen Geschwister besucht und gesegnet. Auch der Totensonntag am 22.11. wird von vielen Geschwistern noch einmal als Gedenktag vor der Adventszeit genutzt.

Aber auch im gesellschaftlichen Kontext gibt es in unserem Land mehrfachen Anlass zum Innehalten und Erinnern. In der Reichspogromnacht vom 09. auf den 10. November 1938 wurden unter nationalsozialistischer Herrschaft tausende jüdische Wohnungen, Geschäfte und Synagogen zerstört, Hunderte jüdische Menschen ermordet und rund 30.000 jüdische Menschen in Konzentrationslager verschleppt. Diese Nacht markierte den Beginn zur systematischen Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Ein interreligiöses Gebet am 09.11.26 um 15 Uhr in der St. Nicolai-Kirche in Gifhorn soll ein Zeichen dafür setzen, dass der Blick auf das Gemeinsame und Verbindende eine freimachende Kraft hat und dass in der Vereinfachung und in den Extremen genau die Gefahr liegt, die eine solche Nacht überhaupt erst möglich gemacht hat.

Auch der Volkstrauertag am 15.11. steht in besonderer Weise für die zerstörerische Wirkung von Extremismen, sei es nun des Militarismus, der unter anderem in den Ersten Weltkrieg mit seinen 15 – 22 Millionen Opfern geführt hat oder der bereits erwähnten nationalsozialistischen Ideologie, die zu etwa 80 Millionen Opfern im und in Folge des Zweiten Weltkriegs, geführt hat.

Diese beiden Beispiele stehen exemplarisch dafür, dass überall dort, wo Menschen eine einzelne Ideologie über zentrale Werte wie die Menschenwürde stellen und in extreme Positionen gleich welcher Couleur gehen, Unfreiheit einzieht und Menschen am Ende darunter leiden und sterben werden. Dazu können wir als Christinnen und Christen unmöglich „Ja“ sagen, denn unser Glaube ist einer des Lebens, nicht des Todes.

Und genau daran soll uns das Kreuz erinnern, über das Sie in den Kirchen gestolpert sind: Wo wir das Kreuz durch Haken entstellen, dort schaffen wir Unfreiheit, Leid und Qual. Wo wir das Kreuz als Zeichen für Auferstehung und Hoffnung ernstnehmen und den Raum für ein vielfältiges Miteinander eröffnen, dort entsteht auch Raum für Freiheit und Leben.  

Das Pfarrleitungsteam